Das war die Saison 2008/2009: Fakten, Zahlen und Gedanken zur TT-Bundesliga

"Mozart" Waldner dirigiert noch immer und zieht die Fans an;

 

Trinko Keen emotional

 

Timo Boll fasziniert

 

Elektronische Zählgeräte gehören längst zum Alltag in der DTTL

 

Benno Neumüller im Ü-Wagen

 

Dynamische Spielszene Chuang vs. Filus beim einzigen Saisonsieg des jungen Gönnern-Spielers

 

Volksfest in Biberach: Heimspiel Ochsenhausen

 

Plüderhausens "King Kara" jubelt

 

24.04.09 - SPORT - Hinter den beiden Königsklassen-Finalisten Borussia Düsseldorf und TTF Liebherr Ochsenhausen folgen die Klubs TTC Müller Frickenhausen/Würzburg und TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell, die sich ebenfalls für die Play-Offs qualifiziert haben. Knapp und nur aufgrund des schlechteren Spielverhältnisses gegenüber Fulda gescheitert ist der Fünfte, SV Plüderhausen. Die Schwaben konnten jedoch den Ligapokal sowie den ETTU-Cup gewinnen und haben somit eine sehr erfolgreiche Saison gespielt. Etwas enttäuschend ist der sechste Rang des TTC Zugbrücke Grenzau, wo man - nach gutem Saisonstart - schon mit den Play-Offs geliebäugelt hatte. Der SV Werder Bremen belegt Platz sieben und möchte künftig höher hinaus. Der TTC indeland Jülich, der die komplette Mannschaft austauschen wird, wurde Achter und hat somit das sportliche Klassenziel erreicht. Der TTV Gönnern schließlich kam erwartungsgemäß über die Position des Schlusslichts nicht hinaus, muss jedoch nicht aus der DTTL absteigen, da inklusive Aufsteiger 1.FC Saarbrücken die Liga-Sollstärke von zehn Mannschaften für die Saison 2009/10 exakt erreicht ist , vorausgesetzt, alle Bewerber erhalten die Lizenz. Ein großer Erfolg der DTTL war auch der seit letzten Freitag perfekte Einzug zweier deutscher Klubs in das Finale der europäischen Königsklasse - ein Novum in der Geschichte dieses Wettbewerbs und der Tischtennis-Bundesliga.

Bilanzen

Eine sehr gute Rückrunde spielten - abgesehen von Ausnahmekönner Timo BOLL (4:0), der allerdings lediglich zweimal zum Einsatz kam - unter anderem CHUANG Chih-Yuan (Ochsenhausen) und WANG Xi (Fulda, beide 8:2) sowie CHUANGS Klubkamerad Adrian CRISAN (7:1). Auch Christian SÜß (Düsseldorf), der künftige Düsseldorfer Trinko KEEN (Foto) und Bastian STEGER (Frickenhausen/Würzburg) überzeugten und sind allesamt mit 7:2-Bilanzen notiert. Mit 6:2 hat Fuldas Ikone Jan-Ove WALDNER gerade seinen "dritten Frühling" erlebt. Der nach Charleroi wechselnde Dimitrij OVTCHAROV (Düsseldorf) und der künftige Saarbrücker LEUNG Chu Yan (Plüderhausen) haben mit 7:4-Resultaten auch sehr ordentlich gespielt, ebenso wie Youngster Kenta MATSUDAIRA (Frickenhausen/Würzburg, 5:2). Positive Rückrundenergebnisse erzielten auch Fuldas Robert SVENSSON (5:3), Jakub KOSOWSKI (Plüderhausen) und Tiago APOLONIA (Ochsenhausen) - beide 5:4 - sowie Gönnerns Taiwanese CHIANG Hung-Chieh (4:3). Enttäuschend dagegen das 4:9 des nach Frankreich wechselnden Nationalspielers Zoltan FEJER-KONNERTH (Grenzau) nach gelungener Vorrunde (8:3). Den Vogel schoss aber TAN Rui Wu vom TTC Müller Frickenhausen-Würzburg ab. War der kleine China-Kroate mit 9:1 noch zweibester DTTL-Akteur der Vorrunde, entschied er sich diesmal für den entgegengesetzten Weg und spielte sage und schreibe 1:9! Nach seiner Verletzung am Schlagarm kam TAN auch mental nicht wieder auf die Beine, erhält jedoch in den Play-Offs Gelegenheit, wieder in die Erfolgsspur zurückzukehren.

Betrachtet man die Gesamtbilanzen der Saison, rangiert der ungeschlagene Branchenprimus Timo BOLL mit 12:0 an der Spitze des Klassements. Adrian CRISAN (15:5) und WANG Xi (16:7) führen das Verfolgerfeld an, auch CHUANG Chih-Yuan (14:6) und Bastian STEGER (13:5) haben sich vorzüglich geschlagen. Dies gilt auch für das japanische Megatalent Kenta MATSUDAIRA. Der gerade 18 Jahre alt gewordene Teenager hat als damals 17-jähriger "Neuimport" - erstmals über einen langen Zeitraum fern der Heimat - auf Anhieb in Europas stärkster Liga eingeschlagen und eine tolle 11:4-Bilanz erspielt. Die DTTL-Entdeckung des Jahres! Positive Ergebnisse verzeichneten auch OVTCHAOV und LEUNG (beide 13:9), SÜß (10:6), CHIANG (10:7), WALDNER (9:7). Gleiches gilt für Tiago APOLONIA und den Grenzauer Tomas PAVELKA - beide gewannen jeweils acht Spiele und gingen sechsmal als Verlierer vom Tisch. Enttäuschend sicher das 6:11 von Grenzaus Routinier Lucjan BLASCZYK, mehr jedoch noch das 1:10 des jungen Düsseldorfers Marcos FREITAS, der mit dem Erwartungsdruck bei der erfolgreichen Borussia offensichtlich nicht zurechtkam. Die fraglos talentierten Gönnern-Spieler Antonin GAVLAS (2:14) und Ruwen FILUS (1:14) warten weiter auf den Durchbruch in der Liga. Immerhin gewann Defensivspieler FILUS sein einziges Match ausgerechnet gegen CHUANG Chih-Yuan, seines Zeichens die Nummer zehn der Welt! Gönnerns Taiwanese CHIANG brachte das Kunststück fertig, mit zehn Einzeln exakt doppelt so viele Matches zu gewinnen wie der gesamte dreiköpfige Rest der Hampl-Truppe zusammen. Als doppelstark - insgesamt 19 Mal brachte das finale Doppel die Entscheidung - präsentierten sich die Düsseldorfer Formation FREITAS/SÜß (3:1).

Zuschauer

Sahen noch 623 Menschen durchschnittlich die Begegnungen der Hinserie, war in der Rückrunde ein gewisser Rückgang zu verzeichnen, der allerdings auch in den Jahren zuvor konstatiert werden musste, also als Runden-typisch bezeichnet werden kann. 19.760 Fans, also durchschnitttlich 549, kamen zu den Rückspielen in die Sporthallen gegenüber 22.445 in der Hinrunde. Somit beläuft sich der Gesamtwert für die Punktrunde 2008/09 auf 586 Besucher pro Spiel. Ziehen wir den Vergleich zu den vorausgegangenen Spielzeiten, stellen wir fest, dass in der Vorsaison die Vergleichszahl vor den Play-Offs, die naturgemäß nochmals eine signifikante Anhebung des Schnitts bewirken, bei 639 lag. Allerdings gab es damals zwei "Knallerspiele" in Bezug auf die Resonanz, nämlich Frickenhausen-Düsseldorf (4.500) und Düsseldorf-Fulda (4.200). Diesmal fiel lediglich eine Besucherzahl in positiver Hinsicht aus dem Rahmen, nämlich die 2.500 Menschen beim Match zwischen Ochsenhausen und Düsseldorf - dass BOLL-Klub Düsseldorf an allen Rekordmarken beteiligt war, ist übrigens auffällig. Ohne die beiden Rekordbesuche hätte der Rundenschnitt letzte Saison übrigens lediglich bei 554 gelegen. In der Saison 2006/07 waren es 578 Fans pro Spiel in der damaligen Bundesliga, also etwas weniger als bislang in der laufenden Saison. 2005/06 zählte man 605 Zuschauer durchschnittlich im Punktspielbetrieb, also geringfügig mehr als aktuell. Am Ende der Saison wird der Zuschauerschnitt voraussichtlich auf ca. 640 angestiegen sein - dies eine vorsichtige Prognose aufgrund der Erfahrungswerte der letzten Jahre. Das wären dann rund 35 weniger als 2007/08, jedoch etwa 45 mehr als 2006/07 und knappe zehn mehr als 2005/06, läge folglich also im Rahmen der Vorjahre.

Somit scheint die Zuschauerzahl nicht signifikant mit dem Wechsel des Spielsystems zu korrelieren. Evidenter scheint hier der Aspekt zu sein, dass - ein "Opfer", das aufgrund der TV-Erfordernisse desöfteren zu bringen war und im Sinne des gemeinsamen Ziels der DTTL-Klubs ohne Murren erbracht wurde - die Anfangszeiten der Partien nicht immer sehr zuschauerfreundlich angesetzt waren. Zudem mögen den einen oder anderen Fan die durch den TV-Partner der Liga, contenthouse GmbH, garantierten hochwertigen Übertragungen im Internet und im DSF bisweilen dazu bewogen haben, zu Hause zu bleiben und Spitzentischtennis komfortabel in trauter Umgebung zu genießen.

Nur am Rande sei bemerkt, dass die Topspiele des deutschen Tischtennis-Oberhauses nie zuvor von annähend so vielen Menschen gesehen wurden - Hunderttausende in Deutschland und in aller Welt verfolgten jedes der bisherigen 18 TV-Spiele im Internetlivestream und/oder am Fernsehschirm. Das darf als bahnbrechende Steigerung der Verbreitung der Liga gesehen werden - manche sprechen von einer revolutionären Entwicklung. Das Mannschaftstischtennis in Deutschland war nie so populär wie heute, die Zugriffszahlen sind nicht mit "König Fußball" vergleichbar, dennoch freilich immens. Der "Angriff" auf Sportarten wie Basketball, Handball oder Eishockey, was TV-Zeiten und Werbewerte betrifft, hat begonnen.

Doch zurück zum klassischen Tischtennispublikum mit seinem traditionell hohen Anteil aktiver Spieler tieferklassiger Ligen, die als Experten die DTTL-Hallen besuchen: Spiele ab 1.000 Zuschauern, die man - nach derzeitigem Maßstab - als richtig guten Besuch bei Tischtennis-Bundesligaspielen bewerten darf, waren es neun (von insgesamt 72) in der Punktrunde 2008/09: Ochsenhausen-Düsseldorf (2.500), Düsseldorf-Fulda (1.800), Düsseldorf-Frickenhausen/Würzburg (1.350), Düsseldorf-Grenzau (1.200), Ochsenhausen-Gönnern (1.200), Ochsenhausen-Frickenhausen/Würzburg (1.200), Düsseldorf-Ochsenhausen (1.150), Frickenhausen/Würzburg-Düsseldorf (1.100), Bremen-Düsseldorf (1.050). Der siebenmal beteiligte Rekordmeister aus dem Rheinland vor Ochsenhausen (4) und Frickenhausen/Würzburg (3) - das entspricht auch der "Einlaufreihenfolge" in der sportlichen Tabelle.

"Outsourcing" ist nach wie vor ein angesagtes Thema. Auch diese Saison fand das bislang bestbesuchte DTTL-Spiel in der Stuttgarter Porsche-Arena statt, das zweitbeste im Düsseldorfer Burg-Wächter Castello, modernen, komfortablen städtischen Sport- und Eventhallen. Highlight war die Endrunde um die deutsche Pokalmeisterschaft vor über 4.500 Besuchern in Hannovers TUI-Arena - mehr dazu an anderer Stelle. Es müssen aber nicht zwingend Großstädte sein: Jülich präsentierte sich mit Erfolg in der Arena Düren, Ochsenhausen verlegte das jüngste Schwabenderby nach Wangen im Allgäu und empfing den namhaften ECL-Kontrahenten aus Charleroi in der Bamberger JAKO-Arena, Düsseldorf lud zum ECL-Gruppenspiel gegen Roskilde nach Hagen - Begegnungen mit 800 bis 1.600 Zuschauern und glänzender Stimmung. Das erste Play-Off-Semifinale gegen Ligaprimus Düsseldorf wird Gastgeber Maberzell übrigens am 15. Mai in der modernen, geräumigen Fuldaer Esperantohalle austragen. Für die Zukunft sind zusätzlich "Spielprojekte" in besonders originellem Ambiente angedacht, etwa in Konzerthallen, Museen oder Flughäfen.

Zuschauerkrösus ist und bleibt "Borussia Deutschland" mit Sympathieträgern wie Timo BOLL, Christian SÜß und Dimitrij OVTCHAROV. Durchschnittlich 1.050 Zuschauer pilgerten zu den acht Heimspielen des Ligaprimus. Mit 915 Besuchern folgt Champions-League-Finalist Ochsenhausen, ein ganzes Stück vor Play-Off-Teilnehmer Fulda (699). Danach kommt eine Weile nichts, bis sich das breite untere Mittelfeld anschließt. Es wird gebildet von Bremen (474), Plüderhausen (470), Grenzau (450), Jülich (437) und Frickenhausen/Würzburg (428). Schlusslicht ist das sportliche Kellerkind aus Gönnern, das nur 350 Menschen pro Heimspiel sehen wollten.

Auch auswärts waren BOLL, der allerdings nur siebenmal zum Einsatz kam, und seine Düsseldorfer Kollegen am begehrtesten: 1.082 Menschen kamen im Mittel, um die bekannten Borussia-Cracks zu sehen. Auf den Plätzen folgen in etwas geänderter Reihenfolge im Vergleich zur Heimstatistik: Frickenhausen/Würzburg (643), Fulda-Maberzell mit Weltstar WALDNER (608), Ochsenhausen (561), Grenzau (522), Plüderhausen (511), Gönnern (475), Bremen (461) und - trotz Ikone "ROSSI" - Jülich (407).

Von einem Zuschauerrückgang kann also nicht die Rede sein, wir können eher von einer Stabilisierung auf dem Niveau der letzten drei Jahre sprechen, was allerdings auf mittlere Sicht nicht zufriedenstellen kann und verbesserungswürdig ist. Mögliche Ansätze lägen etwa in einer erhöhten Anzahl in "Tischtennis-hungrige" Regionen zu vergebender Spiele, in der verstärkten Wahl moderner Sportarenen oder attraktiver, origineller Austragungsstätten, in Inszenierungen der Matches mit gesteigertem Eventcharakter und attraktiverem Rahmenprogramm sowie in der konsequenten Ausschöpfung aller zeitgemäßen Formen der Spiele-Bewerbung durch die Vereine.

Spielsystem, Spieldauer, Dramaturgie

Auch wenn die endgültige Auswertung noch aussteht, darf als Zwischenfazit festgestellt werden, dass das "DTTB-System", das seit Februar dieses Jahres auch auf europäischer Ebene mit Gewinn gespielt wird und in der JOOLA European Nations League zum Einsatz kommt, seine Feuertaufe bereits bestanden hat.

Viele spannende Spiele mit packender Dramaturgie, die nicht selten länger als drei Stunden dauerten, interessante taktische Aufstellungsvarianten, die unerwartete Erfolge nach sich zogen oder auch total daneben gingen, Schreckmomente für selbstzufriedene Favoriten, Hexenkessel-Atmosphäre um die attraktiv gestalteten Centre Courts herum bei höherer Konzentration und stärkerer Fokussierung der Fans auf das Geschehen - Beobachtungen, die zeigen, dass der Zweck der Reform nicht verfehlt wurde.

Der Spannungsfaktor war bei den meisten Spielen außerordentlich hoch. Bei der immensen Bedeutung jedes einzelnen Spiels für den Gesamtausgang, definiert sich Spannung hier primär über jeden einzelnen Ball, der gespielt, und über jeden Punkt, der erzielt wird. Ob die Kontrahenten nun serienweise TV-reife Ball-Rallyes produzieren oder sich mehr von Punkt zu Punkt kämpfen, ist dagegen für den Spannungsgehalt eher unerheblich. Allerdings waren stets auch reichlich schöne Spielzüge und technische Leckerbissen zu bewundern, so dass die Zuschauer fast immer auf ihre Kosten kamen. Ein Beispiel vom letzten Spieltag, das alle Tischtennisfans via Internet und DSF genau mitverfolgen konnten: die beiden ersten Einzel zwischen Fulda-Maberzell und Ligaprimus Düsseldorf vor begeistertem Publikum in der ausverkauften Wilmingtonhalle. Fulda musste das "Wunder" vollbringen, den Rekordmeister zu schlagen, um in den Play-Offs dabei zu sein, und die Spieler bissen sich förmlich hinein in ihre Matches. Punkt für Punkt war dramatisch, schon in der Eröffnungssätzen zwischen WANG und SÜß und zwischen SVENSSON und OVTCHAROV. Am Ende blieb der Außenseiter zweimal in der Verlängerung des Entscheidungssatzes siegreich und mancher in der Halle sowie vor den Monitoren wischte sich Schweißperlen von der Stirne. Unabhängig vom Ergebnis - der DTTL-Pressedienst ist natürlich stets neutral - kann man nur konstatieren: so muss Mannschaftstischtennis sein, das ist die perfekte Dramaturgie! Und diese wird eben auch durch das "DTTB-System" ermöglicht, zumindest aber entscheidend gefördert.

Zudem wurde das Doppel immens aufgewertet, das nun keine schleppend anlaufende Einstimmung auf ein Match mehr ist, das erst noch auf Touren kommen muss, sondern als Krönung dramatischer Partien die Entscheidung zu bringen hat. Lediglich 19 Doppel wurden gespielt - aber die hatten es allesamt in sich, wovon der Stimmungspegel in den Hallen und die ständigen Anfeuerungsrufe zeugten. Vorbei sind die Zeiten, in denen ein noch schläfriges oder mit der Platzsuche beschäftigtes Publikum die ersten Doppel-Ballwechsel eher beiläufig zur Kenntnis nahm und aus Höflichkeitsgründen vielleicht bei 7:7 im ersten Satz anfing, ein wenig Applaus zu spenden. Doppel ist heute gleichbedeutend mit Thriller - und das Publikum geht entsprechend mit.

Häufigstes Resultat war das 3:1 (30 Mal), gefolgt von 3:0 (23) und 3:2 (19). Auf heimischem Hallenboden zu spielen, erwies sich nicht zwingend als Vorteil: 37 Heimerfolgen standen nämlich immerhin 35 Auswärtssiege gegenüber.

Das längste Spiel sahen die Zuschauer im "Hohen Norden" beim hauchdünnen 3:2 der Düsseldorfer am 18. Januar beim SV Werder Bremen. 230 Minuten - die Pause nicht mitgerechnet - dauerte dieser Tischtennis-Krimi, bei dem jedes Einzel erst im Entscheidungsdurchgang seinen Sieger fand. Aber auch im Remstal wurde es ein langer Abend, als sich Gastgeber SV Plüderhausen und Titelverteidiger Borussia Düsseldorf am 5. September letzten Jahres 228 Minuten lang einen Kampf auf Biegen und Brechen lieferten. Das Rückspiel, das erneut mit einem 3:2-Erfolg des Rekordchampions endete, war mit 220 Spielminuten nur unwesentlich kürzer. Man sieht, einen Ligaprimus zeichnet auch die besondere Gabe aus, über lange Zeiträume die Konzentration zu halten und in ganz engen Partien am Ende nochmals eine winzige Schippe drauflegen zu können. 210 Minuten benötigte Frickenhausen/Würzburg, um im Schwabenderby gegen Ochsenhausen am 9. November 2008 knapp die Oberhand zu behalten. Den kürzesten Auftritt der Rückrunde zeigten die Teams aus Grenzau und Jülich am 18. und letzten Spieltag - beim 3:0 benötigten die Westerwälder lediglich 80 Minuten reine Spielzeit. Noch eine Minute weniger hatten die Fans bei Frickenhausen/Würzburg vs. Gönnern (15.03.2009), aber auch beim Auftaktheimspiel Fuldas gegen die Steger-Truppe zu sehen bekommen, als der Gastgeber noch in der Findungsphase war, der Gast sich dagegen in berauschender Frühform präsentierte. Das war es aber auch bereits mit für die Besucher grenzwertiger "Kurzarbeit". So gab es durchaus "enge" 3:0-Spiele, die rund zwei Stunden in Anspruch nahmen. 130 Minuten dauerte es sogar, bis Frickenhausen/Würzburg am 21. September das 3:0 bei Werder Bremen unter Dach und Fach hatte.

Insgesamt wurden 9.491 Minuten meist hochklassigen Tischtennissports geboten, was einer durchschnittlichen Spieldauer von etwa 132 Minuten enspricht - die 15-minütige Pause bereits abgerechnet. Das ist zweifellos ein akzeptables Maß, das die Eintrittspreise und auch längere Anreisestrecken rechtfertigt. Zum Glück ist man mit einem solchen Wert aber auch meilenweit von der lähmenden Langeweile mancher tieferklassigen Partien, die an die fünf Stunden dauern können und gerade in der Entscheidungsphase kaum noch auf die Resonanz der überforderten Zuschauer stoßen, entfernt. Derartige Partien mögen noch für die Akteure selbst von Interesse sein, einem breiteren Publikum und potenziellen Sponsoren sind sie kaum zu vermitteln. 132 Minuten pro Spiel - soviel Sport wie in der Deutschen Tischtennis Liga bekommt der Fußball-, Handball- oder Basketball-Fan jedenfalls nicht geboten. In der DTTL wird durchschnittlich schon so lange gespielt wie bei einem DFB-Pokalspiel im Fußball mit Verlängerung und Elfmeterschießen - das kann sich sehen lassen und bedeutet ein reiches Maß hochklassigen Sports für moderates Eintrittsgeld, erschlägt aber die Besucher nicht.

Spielsystem: Versuch einer Bewertung

Das neue Spielsystem polarisiert und die Meinungen gehen nach wie vor auseinander, welcher Modus zu bevorzugen sei. Besonders mancher Hardcore-Tischtennisfan, der stets so viele Matches wie irgend möglich sehen möchte und auch viertägige Pro-Tour-Turniere jeweils vom ersten bis zum letzten Ballwechsel des Tages unbeschadet übersteht, tendiert teilweise noch zum alten System. Mannschaftssport funktioniert aber nach anderen Kriterien als Einzelsport, soll er mitreißend sein und Emotionen erzeugen. In der DTTL hat sich - nicht zuletzt durch das DTTB-System - das Prinzip Klasse statt Masse durchgesetzt mit einem ungemein hohen Spannungsfaktor und nicht selten perfekter Dramaturgie. Die Fokussierung auf ein Zentrum des Geschehens gehört zudem einfach zum modernen Spitzensport. Die Neuerungen inklusive des Trends, ausgewählte Begegnungen in attraktiven, modernen Sportarenen auszutragen, sind wichtige Mosaiksteine auf dem Weg, unseren Sport dauerhaft aus der Turnhallen- und Hobbykeller-Nische herauszubringen und dessen leider noch immer leicht angestaubtes Image in der Öffentlichkeit zu beseitigen. Tischtennis auf DTTL-Niveau ist qualitativ ein lupenreines Premium-Produkt des deutschen Spitzensports und sollte entsprechend präsentiert und verkauft werden. Auch die Spieler haben es durch großartige Leistungen und unendliche Entbehrungen auf dem Weg zur Spitzenklasse verdient, unter Rahmenbedingungen des modernen Topsports aufzutreten. DTTL-Aushängeschild Timo BOLL formulierte es in seiner Analyse des TUI DTTB Final Four in Hannover treffend: "Ich bin absolut für das Konzept, aus den miefig anmutenden Sporthallen raus und in die großen Veranstaltungshallen rein zu gehen."

Mittlerweile haben aber auch viele Hardcore-Fans - eine sympathische Zielgruppe, die unser Sport nach wie vor auf seiner Seite braucht - entdeckt, dass der neue Trend, Bundesligatischtennis zu präsentieren und einer weltweiten Tischtennis-Community als kurzweiliges Top-Produkt des modernen Spitzensports zu erschließen, richtungsweisend ist und unseren Sport nach vorne bringt. Der neue Modus scheint jedenfalls die Mehrheit der Fangemeinde schneller zu überzeugen, als seinerzeit die Aktiven für die größeren Bälle und kürzeren Sätze zu gewinnen waren. Und seien wir als Tischtennis-Puristen - der Verfasser konnte bis vor drei Jahren als aktiver Mannschaftsspieler selbst nie genug bekommen - mal ganz ehrlich: es ist doch viel schöner, wenn nicht nur ein Häuflein von Experten und Insidern dem Toptischtennis auf DTTL-Niveau etwas abgewinnt, sondern wenn die große Masse des "Sport-affinen" Pubikums endlich registriert, welch großartiger, packender, dynamischer Sport hier gezeigt wird, den viele Zeitgenossen bislang einfach verkannt haben in dem fatalen Irrglauben: "Ach, Pingpong spielen kann ich ja selbst."

Deutsche Pokalmeisterschaft

Auch ein Event der Liga ist die Endrunde um die Deutsche Pokalmeisterschaft - und was für eines, gerade in der Saison 2008/09! Das TUI DTTB FINAL FOUR um den Ligapokal wurde am 27. Dezember in der TUI-Arena Hannover erstmals in einer großen, modernen Eventhalle ausgetragen und mit einem 90-Minuten-Konzert der angesagten Popgruppe Ich + Ich garniert. Vor mehr als 4.500 begeisterten Zuschauern wurde das Turnier der vier besten Cup-Teams, das mit dem Sieg des krassen Außenseiters SV Plüderhausen endete, auch zum medialen Höhepunkt mit mehr als 100 akkreditierten Journalisten und einer minutiösen Berichterstattung in TV und Internet. Nie zuvor erfuhr der deutsche Pokalwettbewerb auch nur annähernd eine derartige Resonanz.

ETTU-Cup

Doch es ging weiter mit den Highlights mit DTTL-Bezug: Im ETTU-Cup, von manchen gerne als "Europapokal" bezeichnet, schrieb erneut jener "Underdog" aus Plüderhausen Geschichte. Die Truppe um ihren Helden "King Kara", wie Publikumsliebling Aleksandar KARAKASEVIC im idyllischen Remstal respektvoll genannt wird, brachte es bis ins Finale, das aber nach einer 1:3-Heimniederlage gegen den Favoriten Victoria Moskau zur Endstation zu werden schien. Doch die wackeren Schwaben dachten gar nicht daran aufzustecken und brillierten im Rückspiel in der Höhle des Löwen. Mit sage und schreibe 3:0 fegten der "King", LEUNG und KOSOWSKI die russische Weltklassemannschaft aus der eigenen Halle und nahmen jubelnd und mit Sekt "getauft" den Cup in Empfang - frenetisch gefeiert von drei Dutzend mitgereisten Fans in den knallgelben "Pokalsieger-Shirts", dem Kultobjekt der Saison 2008/09.

Champions League

Doch die Geschichte des internationalen Siegeszuges der DTTL-Klubs ist damit längst nicht beendet - sämtliche europäischen Teamwettbewerbe 2008/09 gehen nämlich an Mannschaften aus der Deutschen Tischtennis Liga. Hatten sowohl Düsseldorfs Manager Andreas PREUß als auch sein Ochsenhausener Kollege Rainer IHLE schon vor der Saison selbstbewusst den Gewinn der europäischen Königsklasse zum Ziel ausgerufen, zeigten ihre Mannschaften im Lauf des Wettbewerbs eindrucksvoll, dass dies keine Floskeln oder leeren Versprechungen waren. Beide marschierten eindrucksvoll durch ihre Gruppen und schalteten im weiteren Verlauf namhafte, stark aufgestellte Konkurrenten aus wie Cajagranada und Charleroi (Düsseldorf) beziehungsweise Bogoria Grodzisk und Hennebont (Ochsenhausen). Nun messen die beiden DTTL-Giganten Borussia Düsseldorf und TTF Liebherr Ochsenhausen in den Finalspielen am 10. und 17. Mai ihre Kräfte und es verspricht eine ganz enge Angelegenheit zu werden.

TV- und Internet-Präsenz

Fakt ist, dass nie zuvor auch nur annähernd soviele Menschen wie in dieser Saison die Deutsche Tischtennis Liga samt Pokalwettbewerb verfolgen konnten, die sich somit als Markenzeichen im nationalen und internationalen Sportgeschehen zunehmend etabliert. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass - bei etwa gleichgebliebener Zuschauerresonanz in den Hallen - erstmals achtzehn qualitativ hochwertige Liveübertragungen von Spitzenspielen zuzüglich Pokal-Final-Four im Internet sowie überwiegend einstündige Highlight-Zusammenfassungen der Partien zur besten Sendezeit im DSF zu sehen waren. Es handelte sich um auf modernstem technischen Level produzierte bewegte Bilder - bei den Spielen sind nur Vollprofis mit High-Tech-Equipment im Einsatz, wie wir es etwa aus der Fußball-Bundesliga kennen. Die Moderatoren der Sendungen sind bekannte Sportreporter, die Kommentare werden von ausgewiesenen Experten gesprochen. Zwischen 200.000 und 240.000 sportbegeisterte Menschen sehen inzwischen regelmäßig die TV-Spiele der Woche im DSF. Ausgestrahlt wird bis mitten hinein ins tischtennisverrückte "Reich der Mitte", wo die DTTL inzwischen - vertraglich fixiert - eine Reichweite von mehr als 100 Millionen Haushalten hat. Dank des großen Einsatzes des Liga-Partners contenthouse mit seinem visionären Chef Benno NEUMÜLLER (auf dem Foto im Ü-Wagen während eines DTTL-Spiels) und zahlreicher Vereine darf die TV-Präsenz der Liga mittlerweile als vorzüglich und beispielhaft gelten, auch wenn bei weitem noch nicht alle Möglichkeiten ausgereizt sind. Dies eröffnet künftig ganz neue Möglichkeiten der Außendarstellung, Vermarktung und Sponsorengewinnung. Nicht von ungefähr haben contenthouse und die Liga unlängst mit Butterfly, dem Branchenriesen unter den Ausrüsterfimen, einen überaus namhaften Premium-Partner gewinnen können. Unser Sport ist im Begriff, das wenig attraktive Flair düsterer Schulturnhallen endgültig hinter sich zu lassen und mit frischem Selbstbewusstsein neue Horizonte mit Hilfe des Fernsehens und des Internets zu erschließen. Die große Fangemeinde des schnellsten Rückschlag-Sports der Welt darf sich auf viele weitere TV- und Internet-Highlights aus der DTTL freuen.

Ausblick

In den sechs Play-Off-Spielen, die zur Ermittlung des Deutschen Meisters 2008/09 führen werden, dürften das hohe Niveau und der außerordentliche Spannungsgrad der Punktrunde nochmals eine Steigerung erfahren. Zudem werden sehr viele Zuschauer erwartet, wenn sich die vier Giganten des deutschen Mannschaftstischtennis mit ihren Galerien der Weltklassespieler packende Duelle auf Augenhöhe liefern werden - spannender als jeder "Tatort" im TV. Ebenso aufregend verspricht die deutsch-deutsche Entscheidung über den Thron in der europäischen Königsklasse zu werden. Kann Ochsenhausen, im Lauf der Saison zu einer absoluten Toptruppe gereift, "Borussia Deutschland" ein Bein stellen? Nicht wenige Experten halten dies für denkbar - ungeachtet der hohen Qualität eines Timo BOLL auf Seiten des nationalen Rekordchampions.

In der kommenden Spielzeit wird die Deutsche Tischtennis Liga vermutlich nochmals einen Qualitätssprung machen - Namen wie die der prominenten "Heimkehrer" Jörgen PERSSON (Plüderhausen) oder Jens LUNDQVIST (Bremen) oder des hochrangigen DTTL-Debütanten YANG Zi aus Singapur, der für Jülich aufschlagen wird, deuten an, wie attraktiv die Liga ist. Weitere wohlklingende Namen sind im Gespräch und es könnte sich noch einiges tun bis zum Wechselschluss. So oder so, qualitativ werden die Abgänge von "Dima" OVTCHAROV und Zoltan FEJER-KONNERTH, so schade sie gerade aus deutscher Sicht sein mögen, vermutlich mehr als nur kompensiert werden. Zudem könnte es erstmals seit zwei Jahren wieder zu einem richtig spannenden Abstiegskampf kommen, da - sofern sämtliche Bewerber die Lizenz erhalten - endlich wieder die Liga-Sollstärke erreicht wird und einige ambitionierte Kandidaten für das "Projekt DTTL-Aufstieg" in den Zweiten Ligen bereits mit den Hufen scharren.

Es gibt noch viel zu tun, jedoch befindet sich die DTTL auf einem wirklich erfolgversprechenden Kurs und ist auf dem besten Weg, nicht nur zum unverzichtbaren Bestandteil des deutschen Topsports zu avancieren, sondern als solcher endlich auch allgemein wahrgenommen zu werden. Wir alle sind "mittendrin, statt nur dabei" und können die Aufbruchsstimmung in unserem Sport hautnah erleben. Auch das ist ungemein spannend! (DTTL/Dr. Roscher). +++


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